Pirat im Selbstversuch

Mitten drin statt nur dabei.

Archive for the ‘Liquid Feedback’ Category

Pirate Feedback – ein innerparteiliches Tool zur Meinungsbildung mit Prinzipien der Liquid Democracy

with one comment

Heute werden alle Piraten im Landesverband Bayern eingeladen, sich bei der Software Pirate Feedback anzumelden und sich zu beteiligen.

Im Vorfeld dazu hatte ich eine kleinere Twitter Auseinandersetzung mit @tarzun und dem Entwickler von Liquid Feedback, ob Pirate Feedback mit seinen Präferenzdelegationen noch „flüssig“ sei. Inzwischen hat @tarzun auch einen Blogbeitrag dazu veröffentlicht. Hier meine Antwort.

Liquid Democracy?

Es gibt bisher weder eine „offizielle Definition“ von Liquid Democracy, noch viele philosophische oder politikwissenschaftliche Arbeiten die „das“ Liquid Democracy Modell definiert haben. Der Begriff Liquid Democracy wird gerade mal seit der Jahrtausendwende überhaupt verwendet. Das führt dazu, dass verschiedene Gruppen für sich selbst verschiedene Definitionen entwickelt haben. So unterscheiden sich z.B. die Ansichten zwischen dem Verein Interaktive Demokratie e. V. (Die Entwickler von LiquidFeedback) und dem Verein Liquid Democracy e.V. (die Entwickler von Adhocracy). Durch die Verwendung von LiquidFeedback in der Piratenpartei haben die Ansichten des Vereins Interaktive Demokratie sicherlich die Diskussionen der letzten zwei Jahre geprägt. Pirate Feedback und Präferenzdelegationen entsprechen nicht deren Liquid Democracy Verständnis oder dem von Klaus Peukert, aber so what? Weder bei ihm noch bei dem Verein liegt die Deutungshoheit.

Bezugnehmend auf die Magisterarbeit von Sebastian Jabbusch möchte ich zwischen zwei unterschiedlichen Einsatzgebieten von Liquid  Democracy unterscheiden.

1) Liquid Democracy als gesamtgesellschaftliches und verbindliches Entscheidungs-Werkzeug

Darunter versteht sich die Vision Parlamente und Parteien abzuschaffen, alle Entscheidungen sollen vom Bürger (direkt oder per transitiver Delegation) radikal direktdemokratisch mit einer Software wie Liquid Feedback getroffen werden. Um es kurz zu machen, dafür taugt Pirate Feedback mit seinen Präferenzdelegationen nicht. (Ob LiquidFeedback dafür taugt ist eine andere Frage, Ansätze wie LiquidFriesland finde ich aber spannend).

2)  Liquid Democracy als innerparteiliche Lösung zur Meinungsbildung in der Piratenpartei Deutschland

Genau für diesen Zweck ist Pirate Feedback gedacht. Nachdem die Entwickler von Liquid Feedback sich von der Verwendung ihrer Software in der Piratenpartei distanziert haben, war es ja nur eine Frage der Zeit bis die Piratenpartei  eine andere Software einsetzt. Der Fork Pirate Feedback wurde nach Beschlüssen auf einem Parteitag der Piratenpartei Bayern entwickelt und wird sich auch weiterhin den Wünschen der Partei anpassen.

Was sind nun die flüssigen Elemente von Pirate Feedback?

Mit Liquid Democracy werden die Grenzen zwischen direkter und repräsentativer Demokratie verflüssigt. Der Kern von Liquid Democracy ist sicherlich „Jeder Beteiligte kann dabei entweder selbst entscheiden oder seine Stimme jemand anderem übertragen“. Genau das wird auch weiterhin in Pirate Feedback möglich sein. Ich kann selbst Anträge, Initiativen oder Anregungen schreiben; Ich kann selbst abstimmen. Oder ich kann an eine Liste von Leuten delegieren, die mit meiner Stimme entscheiden dürfen. Es gibt keine Trennung zwischen aktivem und passivem Wahlrecht und im Gegensatz zu aktuellen repräsentativen Modellen bin ich flexibel und kann jederzeit Delegationen entziehen. Genau das ist Liquid Democracy, und die Möglichkeit eine Stimme weiter zu delegieren ist ein Feature, aber kein unveränderbares Kernelement.

Mit Liquid Democracy wird die zeitliche Ebene verflüssig. Statt nur zu bestimmten Terminen Delegierte oder Positionen zu wählen kann ich dies als Basispirat immer im Pirate Feedback machen.

Mit Liquid Democracy werden inhaltliche Begrenzungen verflüssigt. Statt z.B. wie in etablierten Parteien einen Delegierten zu wählen, der danach bei allen Themen für einen abstimmt kann ich nach Themengebieten getrennt, sogar nach einzelnen Abstimmungen getrennt delegieren. Auch bei Pirate Feedback.

Liquid Democracy verflüssig die Hierarchien. Nicht Vorstände oder Kommissionen entscheiden über das Parteiprogramm, sondern jedes Mitglied kann mitarbeiten und mitbestimmen. Delegationen sind unabhängig von Ämtern oder Mandaten. Oder um @jbenno zu zitieren: „Liquid Democracy bedeutet, dass jeder Einzelne etwas beitragen kann und dann über die Vorschläge ein Konsens hergestellt wird.“

Zur konkreten Kritik von @tarzun:

  • es werden Stimmen „verloren“ gehen

Man sollte nicht verschweigen, dass dies auch im Liquid Feedback passieren kann. Zum einen bei Kreisdelegationen in denen niemand abstimmt, zum anderen wenn eine „Delegationskette“ bei jemandem landet, der weder selbst abstimmt noch weiterdelegiert. Beides kommt im Liquid Feedback vor. Aber ich rechne auch damit, dass mit Präferenzdelegationen im Pirate Feedback mehr Stimmen „verloren“ gehen werden. Aber um mal eine provokante These in den Raum zuwerfen: das Abstimmen von Meinungsbilder oder auch eines Wahlprogramms innerhalb einer Partei ist kein Menschenrecht. Parteimitglieder haben eine Bringschuld. Aktuell muss man z.B. zu Parteitagen reisen um mit entscheiden zu dürfen.

Bei Liquid Feedback gibt es zwei Motivationen für Delegationen. Zum einen die Delegation an kompetente und aktive Mitglieder. Zum anderen die Delegation an gut vernetzte Mitglieder, denen man vertraut die Stimme gut weiter zu delegieren. Die zweite Möglichkeit fällt bei Pirate Feedback weg. Und wer schlecht im Landesverband vernetzt ist und wenige Piraten kennt und so auch wenige Piraten in seine Delegationsliste aufnehmen wird, dessen Stimme wird öfters verfallen. Wie sich dieser Effekt auswirkt, wird die Zukunft zeigen.

  • es schränkt die Freiheiten und Handlungsmöglichkeiten der Teilnehmer ein

Auch wenn ich will, meine Delegation kann im Pirate Feedback nicht weiterdelegiert werden. Das ist ein Verlust meiner Möglichkeiten. Aber, ich gewinne auch neue Möglichkeiten. So kann ich z.B. ausschließen, dass meine Stimme bei mir gänzlich unbekannten oder unbeliebten Mitglieder landet. Die Basis am letzten Parteitag in Bayern hat beschlossen, dass Ihnen die zweite Möglichkeit wichtiger ist.

  • es löst das (vermeintliche) Problem von „Wo landet meine Stimme wenn ich nicht selbst abstimme“ auch nicht.

Stimmt, ich kann nicht sicher sagen wer (oder ob jemand) für mich abstimmt. Aber durch das Anlegen von Delegationslisten habe ich eine bessere Kontrolle bei wem meine Stimme landet und durch die Beschränkung auf eine Delegationsebene wird es übersichtlicher werden seine Delegationen nach zu verfolgen.

Schlussworte

Auch wenn es vielleicht anders erscheint, ich selbst finde LiquidFeedback mit seinen transitiven Delegationen gut und hätte, wenn ich am entsprechenden Parteitag dabei gewäsen wäre, gegen die Einführung des Präferenzdelegationsmodells gestimmt. Präferenzdelegationen haben sicher Nachteile (ich rechne btw eher mit mehr „Superdelegierten“ als bei LiquidFeedback), aber eben auch Vorteile – die Basis in Bayern hat sich dafür ausgesprochen und nun hoffe ich auf eine möglichst große Beteiligung in Bayern damit wir in einem Jahr mal eine Auswertung vor nehmen können und die Systeme vergleichen können um so fest zu stellen welches Tool besser als innerparteiliche Lösung zur Meinungsbildung in der Piratenpartei Deutschland taugt (oder welche Features ein zu entwickelndes drittes Tool haben soll).

Advertisements

Written by farddizzle

3. November 2012 at 13:44

Liquid Feedback in Bayern – Die unendliche Geschichte

with 2 comments

Der Beschluss in Bayern ein Liquid Feedback System einzuführen ist nun etwas über zwei Jahre her,  aber noch immer gibt es hier nichts. Als neues Mitglied der damit beauftragten Servicegruppe und seit kurzem Beauftragter für den Liquid Feedback Support in Bayern hier mein Versuch einer kurzen Erklärung, warum es immer noch kein Liquid Feedback in Bayern gibt.

Als im Herbst 2011 eingetretener Pirat kann ich leider nichts über das erste Jahr berichten. Ergänzungen hierzu gerne in den Kommentaren.

Im November 2011 stellte die mit der Einführung beauftragte Servicegruppe per Antrag an den Landesvorstand einen Plan vor, wie genau Liquid Feedback einzuführen sei. Geplanter Start Termin war dabei Januar 2012. Zeitgleich wurde jedoch auf Antrag von Validom beschlossen, eine eigene bayerische Datenschutzerklärung innerhalb von 6 Wochen auszuarbeiten. Ich weiß nicht, ob mit dieser Arbeit begonnen wurde, nach 6 Wochen gab es jedoch keinen entsprechenden Entwurf von Vali.

Nach den 6 Wochen wurde leider nicht weiter an der Einführung von Liquid Feedback (dann eben mit der Bundesdatenschutzerklärung) gearbeitet, sondern anscheinend haben fast alle Mitglieder der Servicegruppe komplett die Lust verloren, so dass erstmal nichts passiert ist. Leider wurde dieses Einstellen der Arbeit eher weniger gut kommuniziert.

Erst im Mai hat sich wieder ein sehr kleines Grüppchen gefunden, dass einen Neustart der Servicegruppe in Angriff nahm. Danach lähmte die Servicegruppe mal wieder Diskussionen. Diesmal ob der alte Beschluss aus 2010 überhaupt noch gültig sei und ob nicht erstmal ein neuer Beschluss bzw. eine LimeSurvey Umfrag her muss. Danach, wir befinden uns inzwischen im Juni/Juli war die Version 2.0 absehbar und man beschloss, diese zu verwenden.

Im Juli / August gab es neue Server mit Ressourcen für Liquid Feedback auf der Bayern IT und dank dem einzigen Admin (kimi) wurde eine Version von Liquid Feedback 2.0 installiert.

Und hier sind wir schon beim aktuellen Stand:

Kleinere Anpassungen der Konfigdateien sind noch notwendig, die Nutzungbedingungen und DSE  müssen noch verlinkt werden und ein Skript muss noch geschrieben werden um wöchentlich die Bestandsdaten von der Mitgliederverwaltung (Invitecode, Gliederung, Status) mit der LQFB Datenbank zu synchronisieren. Da leider der einzige Admin der Servicegruppe den letzten Monat keine Zeit hatte, hat sich den letzten Monat auch nichts geändert.

Wenn diese Arbeit getan ist, kann die bayerische Liquid Feedback Instanz innerhalb kurzer Zeit starten. Es haben sich auf den Aufruf nach weiteren Admins vor einem Monat  wohl auch Leute bei der Bayern IT gemeldet, so dass die Hoffnung auf eine Einführung bleibt.

Fazit: Wenn nicht genug (bzw. fast niemand) an einer Sache arbeiten, muss man sich nicht wundern wenn nichts passiert.

Wobei ich allen die zwischenzeitlich die Lust verloren haben keinen Vorwurf machen möchte. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass jeder der sich in Bayern zu Liquid Feedback engagiert enorm oft mit sehr vielen Diskussionen (gerne auch mal unsachlich) überschüttet wird, so dass man wahrlich jede Lust verlieren kann.

Written by farddizzle

14. September 2012 at 10:14

Veröffentlicht in Liquid Feedback, Piraten, Piratenpartei

Welche Möglichkeiten der Partizipation wollen wir? – Zwei Fragen

with one comment

Am Berliner Landesparteitag erhielt ein Antrag keine 2/3 Mehrheit, welcher die Nutzung des echten Namens innerhalb des Berliner Liquid Feedback Systemes verbindlich einführen wollte. Nun wird mal wieder über LQFB diskutiert. Wobei Diskussion das falsche Wort ist. Das Thema ist so emotional aufgeladen (warum eigentlich?), dass nur gegenseitig Anfeindungen ausgetauscht werden. Daher von mir nicht noch ein Beitrag zu LQFB. Statt dessen stellt sich mir die grundsätzliche Frage:

Welche Möglichkeiten der Partizipation wollen wir innerhalb der Piratenpartei?

Diese Frage sollten wir klären. Insbesondere, da 2013 eine Landtagswahl auf uns zu kommt. Dort besteht die Möglichkeit, dass Piraten in den Landtag einziehen. Spätestens dann machen wir ganz reale Politik und sollten eine reale Antwort auf folgende Fragen gefunden haben:

Wie kann ein Abgeordneter Anregungen und valide Meinungsbilder der Basis einhohlen?

Wie kann ein einzelner Basispirat ein bestimmtes Thema / einen bestimmten Antrag an die Fraktion richten?

Written by farddizzle

28. Februar 2012 at 12:32

Veröffentlicht in Liquid Feedback, Piraten, Piratenpartei

Liquid Feedback in Bayern?!

with 13 comments

Nach dem Erfolg der Piraten in Berlin habe ich viel über Liquid Democracy und Liquid Feedback gelesen. Die Idee dahinter hat mich begeistert und war sicher ein Grund für mich der Piratenpartei beizutreten. Groß war da meine Überraschung, dass Liquid Feedback in Bayern nicht genutzt wird. Trotzdem gab es letzten Donnerstag eine interessante Informations- und Diskussionsveranstaltung über Liquid Democracy in München. 

Andi erzählte Allgemeines über Liquid Democracy und zusammen mit tarzun etwas über die Technik und Bedienung von Liquid Feedback. Dadim stellte den von ihm programmiertem Liquidizer vor. Die zwei interessantesten Vorträge für mich waren von Heide, welche über die praktischen Erfahrungen mit Liquid Feedback in Berlin berichtete, und von TurBor, welcher Kritikpunkte an Liquid Feedback aufzählte. 

Der Vortrag von TurBor (im Netz verfügbar) war von angeregten Diskussionen begleitet. Zu seinen Kritikpunkten einige Gedanken: 

Kritik 1:

Benutzeroberfläche kompliziert, nicht intuitiv, kein Benachrichtigungssystem und Delegationen sind nicht nachvollziehbar.

Das Argument der schlechten Bedienbarkeit habe ich auch am Stammtisch in München am häufigsten gehört. Das dies aber oft von studierten Informatikern oder anderen Nerds vorgebracht wird irritiert mich. Denn jeder versierte Computernutzer kann die Bedienung von Liquid Feedback in einer halben Stunde Verstehen und Durchschauen. Dazu gibt es wahrlich genug Hilfestellungen im Netz. Richtig hingegen ist, dass die Oberfläche nicht von Apple designed wurde und meine Eltern tatsächlich Probleme hätten das System zu bedienen und zu durchschauen. Allerdings ist hier Abhilfe in Sicht, ein neues, intuitiveres Design steht bereit. Zum Benachrichtigungssystem ist noch zu sagen, dass es bereits jetzt möglich ist sich per Twitter über Neuigkeiten informieren zu lassen. Daher:

Kritik Benutzeroberfläche überzeugt mich nicht.

Kritik 2:

Datenschutz

Datenschutz ist eines unserer Kernthemen und selbstverständlich unglaublich wichtig. Aber: Wir, die Mitglieder der Piratenpartei, wollen die Politik in Deutschland verändern. Wir, die Mitglieder der Piratenpartei, sind Politiker. Wir wollen in die Gemeinderäte, in die Stadträte, in die Länderparlamente, in den verdammten Bundestag! Das geht nicht anonym. Wir machen Politik transparent. Dazu gehört aber auch, dass der Wähler nachschauen will, wie wir politisch entscheiden. Politische Veränderungen lassen sich nicht anonym durchsetzen. Nun kommt das Argument, dass der Basispirat in Hinterdupfing von seinen Fussballfreunden verprügelt wird wenn er sich für die Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften einsetzt und seinen Job verliert, wenn er für die Legalisierung von Cannabis stimmt. Ich komme selber vom Land und ja, es gibt dort leider tatsächlich solche Hinterwäldler. Andererseits, wenn wir unsere politischen Ansichten nicht persönlich in unserem Bekanntenkreis vertreten könne, wie wollen wir die Ansichten dann im Bundestag vertreten. Wie dem auch sei, wegen diesem Problemfeld gibt es im Bundesliquid die Möglichkeit sich mit einem Pseudonym anzumelden. Wenn man hier bei der Wahl seinen Pseudonyms aufpasst ist es möglich komplett unerkannt abzustimmen. Daher: 

Kritik Datenschutz überzeugt mich nicht.

Kritik 3:

Wer sich in einem Thema nicht auskennt, kann nicht beurteilen welcher Pirat Experte ist. Daher entscheidet ausschließlich die Popularität über Delegationen. Auch im Nachhinein kann der Nichtexperte nicht erkennen, ob der Delegierte sinnvoll abgestimmt hat. Außerdem bilden globale Delegationen keine Expertise ab.

Richtig hierbei ist, dass globale Delegationen keine Expertise abbilden. Es ist durchaus empfehlenswerter Delegationen zu einzelnen Themenbereichen festzulegen. Warum globale Delegationen oder Delegationen nach Popularität trotzdem kein Problem sind schreibe ich im nächsten Punkt. Es wird hier behauptet, dass ich entweder keine Ahnung von einem Thema habe und daher an irgendeinen populären Piraten delegiere welcher auch keine Ahnung hat, oder ich habe Ahnung und könnte selbst abstimmen. Doch zwischen diesen zwei Extremen gibt es viele Abstufungen. Ich habe keine Ahnung von IT, aber wenn am Stammtisch ein Pirat Vorträge über Netzpolitik hält und Mitglied im CCC, AK Vorrat und FoeBuD ist kann ich auch als Laie seine Expertise einschätzen und ihm meine Stimme delegieren. Nun könnte er ja meine Unwissenheit ausnutzen und für den letzten Scheiß stimmen. Vielleicht würde ich es selbst aus fachlicher Unkenntnis nicht merken. Hier vertraue ich aber durchaus auf eine gewisse Schwarmintelligenz. Sollte ein Pirat für groben Unfug stimmen, dann bin ich mir sicher das ein anderer Pirat dies aufdecken wird. Daher:

Kritik Delegationen – Expertise überzeugt mich nicht.

Kritik 4:

Durch die Weiterreichung von Delegationen können Delegationsketten über viele Personen entstehen. Der entgültige Nutznießer meiner Delegation kann jemand völlig Fremdes sein, dessen Position ich nicht kenne und die daher nicht die meine sein kann. Jemandem zu vertrauen, nur weil jemand dem ich vertraue ihm vertraut ist fragwürdig.

Wenn ich eine feste politische Position zu einem Thema habe, kann ich entweder selber abstimmen oder jemanden auswählen, der meine politische Überzeugung teilt. Wenn ich keine eigene Meinung zu einem Thema habe, muss ich meinem Delegiertem vertrauen, dass er meine Stimme sinnvoll einsetzt. Wir werben um unsere Wähler, dass sie uns ihre Stimme für vier Jahre geben. Der Wähler muss uns vertrauen, dass wir seine Stimme vier Jahre lang sinnvoll einsetzen. Das Vertrauen, welches wir von unseren Wählern einfordern, sollten wir auch innerparteilich haben (erst recht, wenn wir unsere Stimme jederzeit zurückziehen können). Hier komme ich noch einmal zum vorherigen Kritikpunkt. Wenn ich keine Ahnung von einem Thema habe, dann mache ich meinetwegen eine globale Delegation auf unseren Landesvorsitzenden, weil ich den schon mal im Radio gehört habe (sprich ausschließlich aus Popularität). Nun ist es wahrscheinlich, dass auch andere Basismitglieder ohne eigene Expertise einem populären Mitglied Stimmen geben. Dann hat der Landesvorsitzende vielleicht 100 Stimmen und dadurch politische Macht und Verantwortung. Und hier vertraue ich dem Menschen, dass er sich dessen bewusst ist und dementsprechend handelt. Und wenn er zu einem Thema selbst keine Ahnung hat, dann vertraue ich ihm, dass er sich informiert und die 100 Stimmen verantwortungsbewusst weiter delegiert. Delegationsketten sind nicht das Problem, sondern sie ermöglichen das die eigene Stimme seinen Weg zu den besten Positionen findet. Daher:

Kritik Kettendelegationen überzeugt mich nicht.

Kritik 5:

  1. Durch einmalige Delegation auf populäre Piraten von Mitglieder, welche danach komplett inaktiv werden (eventuell sogar aus der Piratenpartei austreten) können Superdelegierte mit vielen Stimmen entstehen. Diese Stimmen bleiben immer beim Superdelegierten, da ein inaktives Mitglied die Stimmen nicht entziehen kann. So entsteht eine unfaire Machtverteilung.
  2. Durch Delegationsketten (siehe oben) entstehen Superdelegierte mit vielen Stimmen. Als einzelnes Mitglied hat man nur eine Stimme, daher entsteht eine unfaire Machtverteilung. Im Extremfall kann der Superdelegierte alleine bestimmen.
  1. Die Kritik ist berechtigt. Bis inaktive Mitglieder auf Grund von fehlendem Mitgliedsbeitrag aus der Partei geschmissen werden können viele Jahre vergehen. Durch Delegationen von inaktiven Mitgliedern können so nicht gerechtfertigte Stimmen im System vorhanden sein. Aber: Derzeit wird an einer Änderung gearbeitet. Neue Datschschutzrichtlinien erlauben die Erfassung des letzten Loginzeitpunktes. Dann können Mechanismen beschlossen werden, die inaktiven Mitgliedern Stimmrechte entziehen.
  2. Superdelegierte, die über Delegationsketten entstehen sind gewollt! Die Stimmen sollen ja den Weg finden zu den Experten zu einem Thema. Und davon gibt es eben nicht unzählig viele innerhalb der Partei. Und das ich mit meiner einzelnen Stimme alleine nichts bewirken kann, dass ist immer so. Auch in der absoluten Basisdemokratie kann ich mit einer Stimme nichts bewirken, wenn ich irgendeinen Blödsinn fordere. Wenn ich hingegen mich in einem Thema auskenne und einen fundierten, super ausgearbeiteten Antrag einbringe dann kann ich selbst Superdeligierter werden. Zur theoretischen Möglichkeit, dass einer 51% der Stimmen auf sich vereinigt. So eine Machkonzentration will niemand, daher wird sie auch nicht eintreten. Schließlich kommen die Delegationen von Piraten und weit bevor so eine Machtkonzentration eintritt werden die Piraten ihre Delegationen umändern oder selbst wahrnehmen. Dafür spricht auch, dass so eine Situation noch nicht einmal annähernd eingetreten ist. Daher:

Kritik Superdelegierte überzeugt mich nicht.

Nun zu Heides Vortrag über die praktischen Erfahrungen mit Liquid Feedback im Landesverband Berlin. Es lassen sich hier zwei Unterteilungen machen.

  1. Vor der Wahl

Das gesamte Programm und Wahlprogramm im Landesverband Berlin wurde mittels Liquid Feedback abgestimmt. Bei jedem Antrag war ein Link zu einem Diskussionsmedium (Wiki oder Pad) angegeben, auf welchem der Antrag diskutiert werden konnte. Die Antragssteller konnten so Anregungen aufnehmen. Durch die Abstimmung am Ende wurden Positionen übernommen, wenn die Basis dafür war und natürlich nicht übernommen, wenn die Abstimmung negativ verlief. Der gesamte Entstehungs- und Abstimmungsprozess war dabei durch Liquid Feedback transparent und nachvollziehbar.

Im Vergleich dazu ist die Programmgestaltung im LV Bayern eher intransparent. Der offizielle Ansatz sieht die Bildung von IGs und Fgs vor. Diese scheinen mir aber nicht sonderlich aktiv. Natürlich gibt es unheimlich viele aktive und schlaue Piraten im LV Bayern, diese scheinen sich aber eher in lokalen AGs zu organisieren. Über Anträge, die so irgendwie entstehen stimmt dann ein Landesparteitag ab, auf dem nur ein Bruchteil der Piraten anwesend sind. Dieses Verfahren erscheint mir deutlich intransparenter und ineffizienter. (Falls ich hier etwas wichtiges falsch wiedergebe entschuldige ich mich schon mal dafür, aber wie gesagt, die Programmentstehung erscheint mir eben eher intransparent). Daher:

Liquid Feedback überzeugt mich hier.

2. Nach der Wahl

In Berlin sitzen nun Piraten in den Bezirken und im Abgeordnetenhaus. Bei anderen Parteien ist es fast unmöglich, als einfaches Basismitglied auf die Entscheidungen, die nun anstehen, Einfluss zu nehmen. Hier wollen die Piraten anders sein. Mittels Liquid Feedback ist es nun jedem Berliner Mitglied möglich einen Antrag zu stellen, der wenn er eine Mehrheit findet, von den Abgeordneten umgesetzt wird. Desweiteren ist es den Abgeordneten jederzeit möglich, zu jedem Thema welches zwischen den Wahlen aufkommt, zügig und unkompliziert das Meinungsbild der Basis einzuholen. Diese transparente und basisdemokratische Politik ist genau das, was für mich Piratenpolitik so attraktiv macht. Sollten wir es in Bayern je schaffen bei Wahlen Piraten in die Parlamente zu bringen, dann will ich diese Möglichkeiten auch haben. (Und Limesurvey ist hier alleine auf Grund der Vielzahl der Themen nicht praktikabel). Daher:

Liquid Feedback überzeugt mich hier.

Mein Fazit: Die Kritik an Liquid Feedback teile ich nicht, die Vorteile hingegen begeistern mich.

Daher habe ich zwei Anträge in die Antragsfabrik für den kommenden Landesparteitag eingestellt. Liquid Feedback soll neu aufgesetzt werden und in der Satzung verankert werden. Denn Liquid Feedback kann nur funktionieren, wenn Entscheidungen in Liquid Feedback auch umgesetzt werden. Wenn der Vorstand hingegen Liquid Feedback Ergebnisse ignoriert, dann ist es auch kein Wunder, dass keiner Zeit und Arbeit dafür opfert.

So, vielen Dank an alle die alles gelesen haben. Ich freue mich auf eure Meinungen. Übrigens, falls jetzt Altpiraten keinen Bock haben schon wieder über Liquid Feedback zu reden, nachdem sie schon 2010 viel darüber geredet haben. Ignoriert mich einfach. Ich gehe davon aus, dass die Antragsreihenfolge zum Landesparteitag mit einer Liquidizer-Instanz oder einer anderen Möglichkeit, welche den Willen der Basis abbildet, festgelegt wird. Falls ich alleine mit meiner Meinung bin, wird mein Antrag einfach in der Versenkung verschwinden.

Hier die Links zur Antragsfabrik mit weiteren Erläuterungen.

http://wiki.piratenpartei.de/BY:Landesparteitag_2012.1/Antragsfabrik/Neustart_von_LiquidFeedback

http://wiki.piratenpartei.de/BY:Landesparteitag_2012.1/Antragsfabrik/Liquid_Democracy

Gruß,

florian 

Written by farddizzle

24. Oktober 2011 at 20:56

Veröffentlicht in Liquid Feedback, Piraten, Piratenpartei

%d Bloggern gefällt das: