Pirat im Selbstversuch

Mitten drin statt nur dabei.

Warum mach ich den Scheiß eigentlich?

with 2 comments

tl; dr    –    mimimi

Nach knapp einem Jahr unter Piraten hat sie mich erwischt, die erste Sinnkrise.
Angefangen hat es mit 14 Tagen Urlaub: offline, friedlich, wunderschön. Danach musste ich beim Öffnen meines Mail bzw. Twitterclients jedes mal wieder lesen was für ein Mist einige Piraten angestellt haben und die Art und Weise der Reaktion vieler weiterer Piraten war oft noch um einiges schlimmer. Mit dem Wissen im Hinterkopf, dass ein Leben auch ohne Piraten gut möglich ist, habe ich stets den Laptopdeckel schnell wieder zugeschlagen und statt dessen angenehmere Dinge getan (Sorry an alle, die auf eine Mail von mir gewartet haben; ich arbeite diese in den nächsten Tagen ab). Und mit jedem weiteren Tag wurde mein Abstand größer und meine Motivation schwächer. Wenn ich über mein Jahr mit Piraten nachdenke, erkenne ich einigen falschen Vorstellungen aufgesessen zu sein.

Die Piraten machen Politik und sind dabei „cool“.

Die Berliner haben mir ein falsches Bild von der Piratenpartei vermittelt. Gegründet im Monster Ronsons, regelmäßige Treffen im Kinski und die Wahlparty im Ritter Butzke. Alles Läden in denen ich noch unabhängig von den Piraten großartige Nächte erlebt habe. Dazu jede Menge Protagonisten mit denen man gerne mal ein Bier trinken gehen würde. In München verbringe ich meine Abende nun in biederen bayerischen Kneipen oder einem Bürogebäude in Milbertshofen.

Die Piraten haben ein Programm.

Dass wir kein Programm haben ist natürlich falsch, ich habe die vielen Seiten Parteiprogramm gelesen und bin mit wenigen Ausnahmen komplett begeistert davon. Allerdings ist durch unsere basisdemokratische und pluralistische Art dieses Programm immer nur eine Momentaufnahme. Eine Ansammlung von Anträgen, die an einem bestimmten Tag X von einer Mehrheit der anwesenden Piraten befürwortet wurden. Aber schon in drei Jahren könnte unser Programm komplett anders aussehen. Vor allem, da (gefühlt) die meisten Neumitglieder nicht wegen unserem Programm eintreten, sondern eher wegen unserem Politikstil. Ob die progressive Drogenpolitik, das BGE oder unsere Punkte zu Migration und Asyl in drei Jahren noch Piratenprogramm sind? Ich weiß es nicht. Wir haben nicht ein Programm, wir haben eine stete Programmdiskussion. Jedes Neumitglied muss von Positionen überzeugt werden, dass kostet innerparteilich unheimlich viel Arbeit. Und selbst Kernthemen sind nicht vor Veränderung sicher, man schaue sich nur die Diskussion zum Urheberrecht an.

Die Piraten haben einen neuen, transparenten und basisdemokratischen Politikstil.

Diese Aussage würde ich noch unterschreiben, blicke aber sorgenvoll in die Zukunft. Immer noch fehlt eine Übereinkunft, was politische Transparenz nun eigentlich bedeutet. Jeder veröffentlicht irgendetwas irgendwo, der Vogonismus treibt immer neue Blüten. Gleichzeitig verzichten immer mehr aktive Piraten komplett auf Mailinglisten. Ein sehr verständlicher Schritt, der aber auch zu einer Abwanderung von Kommunikation in Telefon oder Skype Gespräche führt. Noch sind die Möglichkeiten als Basispirat gigantisch. Kein Vergleich zu den verkrusteten und hierarchischen Strukturen der etablierten Parteien. Allerdings liegt das zum Großteil daran, dass bei komplett ehrenamtlichem Personal jeder der Zeit mitbringt willkommen ist und noch alles klein genug ist dass man ohne Probleme mit allen wichtigen Piraten telefonieren kann. Aber die Struktur der Piraten wird immer hierarchischer, Kreisverbände und sicher bald Ortsverbände gründen sich am laufenden Band. Sollten wir je den Einzug in weitere Parlamente schaffen wird sich die Kluft zwischen Berufspiratenpolitikern und Basis vergößern. Und wir scheinen es nicht zu schaffen uns verbindlich auf Instrumente wie Liquid Feedback zu einigen, welche strukturell diese Kluft verringern könnten.

Genug gemeckert, klarmachen zum ändern.

Ein Vorteil bei Piraten ist, dass man es selbst in der Hand hat Dinge zu ändern. Wenn Liquid Feedback unpopulär ist, dann kann man ja selbst Schulungen dazu anbieten oder Blogbeiträge dazu schreiben. Wenn man die Kommunikation zu unübersichtlich findet kann man ja selbst einen Newsletter schreiben. Wem die Pressearbeit nicht passt kann ja selbst mitarbeiten. Wenn man auf Idioten trifft, die aus falsch verstandenem Liberalismus die Holocaustleugnung erlauben wollen oder durch nationalistische antieuropäische Parolen auffallen, kann man ja selbst eine AG PiratengegenRechts als Kontrapunkt gründen. Die Frage ist nur, ob man immer nah an der Grenze zur Überarbeitung noch daran glaubt dass am Ende die eigene Arbeit Erfolg hat. Hier musste ich leider in meiner Twitter Timeline feststellen, dass immer mehr Piraten die ich schätze aufgeben und ausgetreten sind oder mit diesem Gedanken spielen. Und am Ende des Tages stellt man fest, dass man verdammt viel Zeit und Energie eingesetzt hat, nur um innerparteilich Kämpfe gegen Windmühlen zu führen.

Warum mache ich den Scheiß eigentlich?

Zum Glück reicht es hier einmal die Zeitung aufzuschlagen: die Farce Betreuungsgeld, das Versagen der Regierung beim Thema Altersarmut, die FDP, das Versagen der Verfassungsschützer gegen Rechts, korrupte Politiker wie Mappus oder Wulff, die fehlende Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften, die CSU oder der Umgang mit Asylbewerbern. Ebenso die fehlenden Themen in der Zeitung: Der Unsinn des aktuellen Urheber- und Patentrechts, IPRED, das Versagen der deutschen Drogenpolitik oder die mangelhafte Bürgerbeteiligung. Der frische Wind und der Druck auf die anderen Parteien wird dringend benötigt. Und wenn man es schafft, sich weniger innerparteilich und persönlich zu verzetteln und sich mehr auf die Sachthemen konzentriert, können die Piraten einen positiven Einfluss auf unsere Gesellschaft nehmen. Trotz allen Shitstorms, diese Überzeugung habe ich immer noch. Daher:

Der K(r)ampf geht weiter.

Advertisements

Written by farddizzle

6. September 2012 um 12:39

Veröffentlicht in Piraten, Piratenpartei

2 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Du sprichst mir absolut aus der Seele. Auch ich habe hier in Bayern eine Sinnkrise und ich merke wie mir die Kraft ausgeht, Viele Piraten sind finanziell gut dabei und die sozialen Aspekte werden als ,sozialromantik“ abgetan. Mal schaun was in 5 Jahren noch übrig ist und wohin sich das Programm in Bayern entwickelt.

    Sibylle Ringlstetter

    6. September 2012 at 16:37

  2. High five mit der Hakenhand 😉

    Michael Büker

    6. September 2012 at 19:09


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: