Pirat im Selbstversuch

Mitten drin statt nur dabei.

Archive for Januar 2012

Studienlage zu elektronischen Zigaretten

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Durch meinen letzten Blogbeitrag habe ich mich mal intensiver mit veröffentlichten Studien zur elektronischen Zigarette beschäftigt. Es gibt durchaus einiges an Studien: In meinem Literaturverzeichnis sind es zur Zeit 39 50. (wer noch weitere findet, immer her damit). Ich rechne damit, dass zu diesem Thema in nächster Zeit sehr viel mehr erscheinen wird.

Hier mal mein persönliches Fazit der bisher veröffentlichten Studien:

Wenn man die elektronische Zigarette als Genussmittel betrachtet spielen vor allem 2 Aspekte eine Rolle:

1) Fremdgefährdung.

Passivdampfen
Es gibt bisher keinerlei Hinweise für eine Fremdgefährdung duch Passivdampfen. Auch wenn da weitere Studien (Raumluftanalyse) sicher gut sind, erwarte ich da keine negativen Überraschungen. Konsequenterweise heißt das, dass es keinen Grund gibt Dampfen in die Regelungen zum Nichtraucherschutz mit einzubeziehen.

Dampfen in der Schwangerschaft.
Neben Tabakrauch hat auch Nikotin negative Auswirkungen auf den Fötus. Trotzdem verschreiben viele Ärzte Frauen, die mit dem Rauchen nicht aufhören können Nikotinpflaster, da man davon ausgeht das nur Nikotin ein geringeres Übel ist als Nikotin + Tabakrauch. Zum Dampfen gibt es da natürlich noch keine Daten, ob Dampfen mit niedrigem oder 0er Liquid eine Alternative für Schwangere die absolut nicht aufhören können wäre ist eine unheimlich schwierige Frage.

Fremdgefährung durch Trinken der Flüssigkeit.
Hier liegt meiner Meinung die größte Gefahr. Gerade kleine Kinder können sich durch das Trinken von Liquid schwer schaden. Daher sollten Liquids entsprechende Warnhinweise und einen kindersicheren Verschluss haben.

2) Eigengefährdung

Unmittelbare Nebenwirkungen.
Es wurde die Inhaltsstoffe von Liquids analysiert und erste Studien mit Dampfern durchgeführt. Dabei zeigten sich keine größeren Nebenwirkungen, so das Dampfen gerade im Vergleich zum Rauchen keine größeren akuten Nebenwirkungen zu haben scheint.

Abhängigkeitspotential
Dazu habe ich eine kleinere Studie gefunden, welche eDampfen ein geringeres Abhängigkeitspotential als Rauchen bescheinigt. Hier sind aber sicher weitere Studien notwendig. Auf Grund der pharmakologischen Eigenschaften des Nikotins gehe ich persönlich von einem Suchtpotential (wenn auch geringer als bei Zigaretten) aus.

Langzeitschäden
Das ist DIE Hauptkritik am Dampfen. Und tatsächlich weiß man eben nichts über die Langzeitwirkung der verdampften Substanzen auf Lunge und sonstige Organe. Das wird sich auch nicht so schnell ändern. Wirklich schlauer wird man hier erst in 10-20 Jahren sein. Trotzdem kann man davon ausgehen, das Dampfen ungefährlicher ist als Rauchen. Daher sprechen sich viele Wissenschaftler gegen ein Verbot aus. z.B. Professor Michael Siegel für Community Health Sciences  aus Boston, Prof. Ron Borland vom Cancer Council Victoria  oder Professor of Public Health Sciences Jonathan Foulds von der
Pennsylvania State University. Leider scheinen die deutschen Professoren für Public Health bisher zu schlafen. 😦

Lesenswert ist auch eine kritische Arbeit über die Situation in Süd Korea. An Kritikpunkten wird dort genannt:

  • Fehlende und uneinheitliche gesetzliche Regelungen
  • Benutzung durch Jugendliche (Anziehungskraft von eZigaretten als technisches Spielzeug oder durch die vielen verschiedenen tollen Aromen)
  • aggressive und falsche Werbung (die gesunde Zigarette)
  • das gleichzeitige Dampfen und Rauchen von Benutzern welches Bestrebungen den Anteil der Raucher an der Bevölkerung zu verkleinern verhindert.

Daher werden in der Studie folgende Forderungen aufgestellt:

  •  mehr Forschung, unabhängig von Tabakkonzernen und EZigaretten-Herstellern.
  • Verbot von Werbung und Marketing für eZigaretten
  • Aufklärung über Gefahren und Risiken der eZigaretten

Das stellt aus meiner Sicht dann schon die Maximalforderungen dar.

Eine Gefahr sehe ich noch in dem Trend eZigaretten selbst zu basteln bzw. sich sein Liquid selbst zu mischen. Durch solche unkontrollierten Produkte kann man sich selbst immens schädigen. Dies spricht übrigens auch gegen Verbote oder überhöhte Steuern. Das zertifizierte und auf Qualität geprüfte Produkt aus dem Fachhandel ist Eigenkreationen absolut vorzuziehen.

Auch wenn es meiner Meinung nach für die Bewertung als Genussmittel weniger relevant ist gibt es auch schon positive Studien über die Eignung von E-Zigaretten als Raucherentwöhnungsmittel [1], [2], [3],[4].

Falls man die eZigarette als Medikament zur Raucherentwöhnung betrachtet sieht übrigens alles anders aus. Dann sind viele weitere Studien nötig und das wäre das Ende des aktuellen freien Marktes. Denn als Medikament kann immer nur ein ganz bestimmtes Modell mit einem ganz bestimmten Liquid zugelassen werden.

Gruß,
florian

Written by farddizzle

17. Januar 2012 at 17:31

Veröffentlicht in Piratenpartei

E-Zigaretten, wissenschaftliche Studien und Medien

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Zur Zeit wird in den Medien viel über elektronische Zigaretten berichtet, meistens im Zusammenhang mit Gefahren und Forderungen nach Verboten. Meine Meinung dazu gleich am Anfang: Elektronische Zigaretten und deren Langzeitfolgen sind sicherlich noch nicht entgültig erforscht aber alle bisherigen Fakten sprechen für geringere gesundheitliche Risiken als beim konventionellen Rauchen. So lange Zigaretten frei verfügbar sind, wäre ein Verbot von elektronischen Zigaretten daher kompletter Unsinn. Die Piratenpartei hat dazu vor ein paar Tagen auch eine Pressemitteilung veröffentlicht.

Der Tenor in den Medien ist jedoch ein anderer, zuletzt bin ich über folgenden Artikel gestolpert: „Lungenärzte warnen vor dem Konsum von E-Zigaretten„. Dort steht: „der Konsum von E-Zigaretten hat schädliche Auswirkungen auf die Atemwege“, „Außerdem zeigte sich ein Abfall der ausgeatmeten Konzentration von Stickoxid (FeNO), einem Marker für die Entzündung der Bronchien“, „wird erstmals der bereits vermutete schädliche Effekt von E-Zigaretten auf die Atmungsorgane nachgewiesen“.

Ganz schön übel also, diese elektronischen Zigaretten.

Netterweise wird in dem Artikel jedoch die Orginalarbeit (Vardavas CI et al. Acute pulmonary effects of using an e-cigarette_ impact on respiratory flow resistance, impedance and exhaled nitric oxide. Chest) verlinkt.

Dort kann man dann folgendes nachlesen:

Bei 30 Rauchern wurde vor und unmittelbar nach 5 Minuten dampfen der Atemwegswiderstand gemessen. Einmal mittels Spirometrie (einem seit langem üblichen Verfahren) und einmal mittels eines Impulse Oscillometry System (ein eher neues Verfahren). Daneben wurde die Veränderung der feNO Konzentration in der Atemluft gemessen (auch ein eher neues Verfahren). Verglichen wurde das mit 10 Kontrollprobanden die an einer leeren e-Zigarette genuckelt haben sowie intraindividuell.

Update: Es wurde ein Liquid mit 11 mg/ml Nikotin verwendet. (Link zum griechischen Webshop)

Und nun das interessante Ergebnis der Studie:

In der Spirometrie zeigte sich KEIN messbarer Unterschied vor und nach der E-Zigarette.
Im Vergleich dazu eine Studie von 1977  [1], hier wurden die gleichen Messungen vor und nach dem Rauchen einer Zigarette durchgeführt. Dabei zeigte sich ein mittels Spirometrie messbarer Unterschied des Atemwegswiderstand.
Das spannende Ergebnis der Studie ist also:

Fünf Minuten Dampfen hat im Gegensatz zum Rauchen einer Zigarette KEINEN Einfluss auf den mittels Spirometrie messbaren Atemwegswiderstand!

Allerdings ist das nicht das Ergebnis, über das berichtet wird.
Es wir mehr über die anderen beiden Messungen berichtet, welche einen Unterschied vor und nach dem Dampfen zeigten.

Die feNO Messung wird zur Diagnostik von allergischem Asthma benutzt. Dort deutet ein Anstieg auf eine Entzündung der Bronchien hin. In dieser Studie wurde allerdings ein Abfall festgestellt. Dies wird auch bei Rauchern beobachtet, es gibt Hypothesen die auch den Abfall der messbaren feNO Konzentration in Zusammenhang mit Lungenveränderungen sehen. Allerdings ist es zur Zeit noch völlig unklar, ob und welche Konsequenz eine solche Reduktion der feNO Konzentration hat. Desweiteren kommen mir die Orginaldaten der Studie komisch vor. So starten die Dampfer mit einer feNO Konzentration von 13.02 ppm, welche dann nach dem Dampfen auf 10.89 ppm fällt. Die Kontrollgruppe startet jedoch mit einer viel geringeren Konzentration (8.76), welche dann gleich bleibt (8.75). Einen Grund für die so unterschiedlichen Ausgangswerte kann ich nicht erkennen. Grund genug das Ergebnis kritisch zu sehen.

Beim zweiten Verfahren zum Messen des Atemwegswiderstandes (IOS) wurde eine minimale Erhöhung des peripheren Widerstandes nach dem Dampfen gemessen. Genaugenommen um +0.042 kPa/l/s (95% CI: 0.006 to 0.078). Allerdings ist dieser Unterschied zwar signifikant, aber so minimal das auch die Autoren die klinische Relevanz in Frage stellen. Auch hier habe ich leider keine Vergleichswerte von Rauchern gefunden. Eine große multizentrische Studie [2], die das IOS Verfahren untersucht hat stellte sehr große Streuungen und Konfidenzintervalle fest. In derselben Studie unterschieden sich die Werte zwischen Nichtrauchen und Rauchern nicht signifikant und zwischen Erkrankten und Gesunden um die Größenordnung von 0.1-0.2 kPa/l/s.  Es sind also auch hier berechtigte Zweifel angebracht, dass der geringe Unterschied bei einer geringen Fallzahl ein reales Ergebnis darstellt.

Fazit der Studie:
Unmittelbar nach dem Dampfen lassen sich eventuell minimal veränderte Lungenwerte messen.Ob diese zu einem späteren Zeitpunkt noch vorhanden sind, ob es Veränderungen nach Langzeitkonsum gibt und ob die messbaren Veränderungen irgendeine Auswirkung auf die Gesundheit haben bleibt weiter offen. Sicher wurde jedoch mit dieser Studie festgestellt, dass Dampfen weniger Auswirkungen auf den Atemwegswiderstand hat als Rauchen.

Ob die verzerrte Wiedergabe der Studienergebnisse aus Unkenntnis erfolgt, oder ob es dafür andere Gründe gibt lasse ich mal offen …

 

 

 

[1] Detection of acute effects of cigarette smoking on airway dynamics: A critical and comparative study of pulmonary function tests. Sobol BJ, Van Voorhies L, Emirgil C. Thorax. 1977 Jun;32(3):312-6.

[2] Respiratory system impedance with impulse oscillometry in healthy and COPD subjects: ECLIPSE baseline results. Crim C, Celli B, Edwards LD, Wouters E, Coxson HO, Tal-Singer R, Calverley PM; ECLIPSE investigators. Respir Med. 2011 Jul;105(7):1069-78. Epub 2011 Apr 11.

Written by farddizzle

14. Januar 2012 at 00:25

Veröffentlicht in Piratenpartei

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